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musée trouvé                                     Bestandskatalog einer imaginären Kunstsammlung

Ein Photographieprojekt im Neubau des "Museum der bildenden Künste Leipzig" von jill Luise Muessig

Text: Dr. Joachim Penzel

Unter dem Titel "musée trouvé" hat Jill Luise Muessig in den Jahren 2000 -2003 im Rohbau des Museums der bildendenden Künste in Leipzig vorgefundene Raumsituationen, einzelne Objekte und andere Spuren fotografiert, die Kunstcharakter besitzen. Insbesondere die Szenen waren von Interesse, die der Arbeitsweise von KünstlerInnen nach 1950 entsprechen. Das Projekt "musée trouvé" ist ein künstlerisches Konzept, das Kunstwerke im fotografischen Blick konstituiert und in dieser Weise die Strategien des Ready Made unter aktuellen Bedingungen fortführt. Die Baustellen-Fotos wurden in einem zweiten Schritt einer digitalen Bildbearbeitung unterzogen, um die vorgefundenen Kunstwerke in einem angemessenen musealen Kontext zu stellen und den Baustellencharakter zu beseitigen. Dadurch entsteht eine neue Sammlung von Kunst nach 1945, die jedes internationale Museum mit Stolz präsentieren würde.
Ein fiktiver Sammlungskatalog ist entstehen, der die Werke entsprechend den üblichen Publikationsstandards musealer Kataloge präsentiert. Damit erhält das neu zu eröffnete Museum in Leipzig als Geschenk eine Auswahl repräsentativer Werke der westlichen Moderne nach 1950, die es heute nur schwerlich erwerben könnte.
Jeder Sammlungsschwerpunkt wird mit einem halbseitigen Text (deutsch / englisch) eingeleitet, der den Charakter der Sammlung und die Hauptwerke kurz beschreibt. Diese Texte bestehen ebenfalls aus vorgefundenen Textfragmenten, die der streng normierten Fachsprache wissenschaftlicher Sammlungskataloge entsprechen und die in ihrer Korrespondenz mit den Bildern ein hohes Maß an Authentizität entstehen lassen. Die Beiträge wurden von dem Kunsthistoriker Joachim Penzel (Halle, Hochschule für Kunst und Design) zusammengestellt.
Bei Jill Luise Muessig interessiert  ebenfalls der künstlerische Blick und der fiktionale Charakter von Kunst, aber ausdrücklich im musealen Kontext. Und diesen bildet die Museumsbaustelle, auf der temporär Werke entstehen, die der Museumssammlung mit ihrer eigenen Geschichte fehlen. Und Kontext bedeutet in diesem Fall nicht nur institutionskritisch pauschal "Museum", sondern meint ortsspezifisch Leipzig. Das Kunstprojekt "musée truovée" ist in der Lage, jene Sammlungslücken des Leipziger Bildermuseums zu schließen, die hier für die westliche Moderne/Postmoderne bestehen. Zugleich wirft das Projekt generell die Frage nach der Rolle von Sammlungslücken und Sammlungsperspektiven auf.

3 Rote Flächen nach Alexander Rodtschenko, C-Print Diasec, ca 44 x 38,5 cm, 2001-2003, 670 €, Auflage: 3 +1

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